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Paul der PolypPaul der Polyp

Paul der Polyp lebte schon seit einigen Jahren in einem ruhigen Winkel des Dickdarms von Frau Meyer. Es war dort warm, kuschelig und ruhig, sah man einmal von den gelegentlich vorbeirauschenden Abfalltransporten ab. Es war auch angenehm dunkel, denn in diese Gegend des Körpers schien nie das Tageslicht hinein. Paul lebte daher recht behaglich in seiner Nische und schmiedete im Dunkeln große Pläne. Er wollte mehr aus sich machen, so wie sein Cousin Karl; der hatte es vom einfachen Polypen zu einem ausgewachsenen Karzinom gebracht! Paul hatte es satt, bloß ein harmloser Polyp zu sein, von dem niemand Notiz nahm. Er träumte von Respekt und Anerken­nung, und er wusste schon, wie er ganz bestimmt die ungeteilte Aufmerksam­keit von Frau Meyer und ihren Ärzten bekom­men würde: wenn er groß wäre, wollte auch er ein richtiger Darmkrebs werden, vor dem alle zittern sollten, so wie sein Cousin Karl! Er würde Angst und Schrecken verbreiten, und man würde ja sehen, wer am Ende Sieger bliebe! Weil er aber auch ein bisschen feige war, wollte er lieber erst einmal im Verborgenen an seiner Karriere basteln und mit seinem ganz großen Auftritt warten, bis er wirklich mächtig und kaum noch besiegbar sein würde. Er wollte die große Überraschung nicht etwa dadurch verderben, dass er – z.B. durch Schmerzen oder Blutabgänge – vorzeitig auf sich aufmerksam machte. So träumte Paul Tage, Wochen, Monate und Jahre lang von seinem ganz großen Durchbruch und wuchs langsam, aber sicher vor sich hin.

Eines Tages geschahen ungewöhnliche Dinge in Frau Meyers Dickdarm. Zuerst bemerkte Paul, dass weniger Abfallfuhren vorbei kamen als sonst. Als nächstes rauschte plötzlich eine ganze Reihe von Expresstransporten vorüber. Danach herrschte erst einmal trügerische Ruhe. Paul glaubte bereits, dass der ganze Spuk wieder vorbei sei, als unvermittelt seine beschauliche Darmgegend taghell erleuchtet wurde! Eine glänzende schwarze Schlange mit blendenden Augen bog um die nächstgelegene Darmkurve; Paul beschlich eine Ahnung, dass seine hochfliegenden Karrierepläne in ernsthafter Gefahr sein könnten. Er versuchte, sich in den Schatten einer Darmfalte zu ducken, aber zu spät. Im gleißenden Licht sah er eine Schlinge auf sich zukommen, die sich um ihn legte und ihn einschnürte. Er spürte keinen Schmerz, aber plötzlich schwand der vertraute Untergrund der Darmwand unter ihm und er purzelte haltlos im Dickdarm umher. Anschließend wurde er von der schwarzen Schlange behutsam, aber unerbittlich durch ihm unbekannte Regionen des Darms gezogen, die wie Landschaften an ihm vorbeizogen. Nach einer Weile verlangsamte sich die Fahrt, und er sah ein neues Licht am Ende des Tunnels. „Jetzt komme ich tatsächlich groß ’raus“, dachte sich Paul, und plötzlich wurde er erneut von hellem Licht geblendet.

Wie sehr staunte Paul, als er seine neue Umgebung betrachtete! Hier war es viel heller, kühler und luftiger als in seinem vertrauten Winkel im Darm. Unbekannte Geräusche und Stimmen verwirrten ihn. Frau Meyer, die er sonst nur von innen kannte (und auch das nur ausschnittweise) lag auf einer Liege und schlief, als ob sie das alles nichts anginge. Außer ihr waren noch einige verdächtig gut gelaunte Menschen da, die sich anscheinend freuten, ihn zu sehen. Er fühlte sich ein bisschen geschmeichelt, im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit zu stehen. Seine Freude endete aber jäh, als er in ein kleines Gefäß mit einer beißenden Flüssigkeit gesteckt und dort eingeschlossen wurde. In diesem unfrei­willigen Bad fühlte er sich alles andere als wohl; er spürte förmlich, wie sich alles in ihm zusammenzog.

Nachdem er in seinem neuen nassen Gefängnis eine Weile durchgerüttelt worden war, wurde der Verschluss des Gefäßes entfernt, und Paul fand sich im Labor eines Pathologen wieder. Dort wurde er erst in warmem Wachs, dann in einer Färbelösung und zuletzt in einer Fixierflüssigkeit gebadet. Schließlich sah er eine blitzende Klinge auf sich zukommen, und ihm war klar: sein letztes Stündlein war gekommen. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass seine Verwandten und Kollegen überaus zahlreich waren und dass einige von ihnen es sicherlich weit bringen und die Familienehre retten würden–dann wusste er nichts mehr.

Was Paul ebenfalls nicht wissen konnte, war, dass die Menschen in vielen Ländern ihm und seiner Verwandtschaft den Krieg erklärt hatten. Sie wollten nicht länger mit ihrem Leben für die Karriereträume von kleinen Darmpolypen, die zu großen Darmkrebsen heranwuchsen, bezahlen und hatten beschlossen, möglichst sämtliche Polypen in aller Menschen Dickdärmen zu finden und zu entfernen. Einige von ihnen fürchteten allerdings diese Untersuchung mehr als den Krebs, und so machten doch immer wieder manche Polypen „Karriere“ und ihre Besitzer die Bekanntschaft mit dem Skalpell des Chirurgen oder sogar der Sense des Sensenmannes.

Und wenn sie nicht entfernt wurden, dann wachsen sie noch heute, Pauls Cousins und Cousinen.

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© 2012 Dr. Andreas Genrich